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Mittwoch, 19. November 2008

Exkurs: Die indische Service-Class. Oder: "Lass das doch den Boy für dich erledigen"

Heute mal etwas, das keinen aktuellen Bezug hat.

Heute will ich euch darüber berichten, welche Tätigkeiten in Indien von einer unscheinbaren, aber demographisch mächtigen "Service Class" erledigt werden. Ihr konntet es vielleicht schon erahnen anhand der Posts, aber so richtig aufgearbeitet wurde es noch nicht.

Fangen wir mit dem Haus an, in dem ich wohne. Über mir wohnt Vishwanath (kurz: Vishna), unser "Hausmeister". Er wohnt in dem Haus, das er "betreut" und ist einfach immer da. Wenn ich abends heimkomme und mein Mülleimer ausgeleert ist, weiß ich: Vishna war da. Wenn wieder kein dreckiges Geschirr mehr in der Küche steht, obwohl Marie oder Leonie und ich es in der Eile einfach neben die Spüle gestellt haben: Vishna war da.
Wenn ich dreckige Klamotten habe stell ich sie morgens neben die Küche, in Tüten gestopft. Abends find ich säuberlich gewaschen und gebügelt in meinem Zimmer wieder. Vishna hat sie zur Wäscherei gebracht. Alle meine Klamotten die ich mit habe, bügeln zu lassen, kostet etwa 80 Cent...
Als ich nach zwei Wochen in Delhi eines Morgens von einem Zimmer zum anderen umziehen musste, schulterte Vishna - ohne dass ich ihn darum gebeten hätte - meinen 25 kg schweren Koffer und trug ihn die Wendeltreppe hoch in mein Zimmer. Ich hab morgens manchmal Probleme, meine Laptoptasche und mich diese Wendeltreppe runterzuhieven...

Wenn Vishna und ich in der Nähe einer Tür sind und ich Anstalten mache, dort hindurchgehen zu wollen, macht Vishna sie auf.
Neulich hat Vishna auch auf meine Frage nach einem Dosenöffner (Benni mag KIRSCHEN!!!) die Dose mittels Hammer, 2 Schraubenzieher verschiedener Größe und einem Messer "aufgemacht". Ich habe die Dose dabei festgehalten... (Wirklich: In diesem Moment schossen mir sämtliche Warnungen durch den Kopf, die mir meine Erziehungsberechtigten für den Umgang mit Dosen mit auf den Weg gegeben hatten. Aber Indien tickt eben anders). Und man selbst plötzlich auch.

Wenn ich nun aus dem Haus gehe, komme ich nicht umhin festzustellen, dass JEDES Haus mindestens einen Vishna hat. Oder, wie ihn der indo-germanische Slang betiteln würde: Einen Haus-Walla. Dazu noch einen Fahrer. Oder einen Security-Walla. Und eine Putzfrau. Oder einen Gärtner. Oder alles zusammen.

Meine Kollegin Harmit hat gemeint, dass sich 99% der indischen Mittelschicht mindestens einen Hausbediensteten leisten können. Und das auch tun. "Der BMW-Slogan "Freude am Fahren" zieht höchstens ironischerweise. Im indischen Werbespot für BMW nimmt der Besitzer dem Fahrer den Schlüssel ab und fährt selbst. Wen interessiert es schon, dass sein Fahrer Freude am Fahren hat? Hauptsache der Rücksitz ist bequem. Deswegen ist der Toyota Innova auch DAS Auto - es hat keine Rückbank, sondern separate Sitze im Rückraum.

Während nun in meinem "obere Mittelklasse/Oberschicht"-Viertel der arbeitende Teil der Bevölkerung in die Bürotürme ausschwärmt, bleibt die Service Class zurück und erledigt die Arbeiten die so anfallen. Oder entspannt/schläft im Wärterhäuschen vorm Haus. Es ist ja nicht immer Arbeit da - die Service Class ist dafür aber immer auf Abruf zur Stelle.

Unser Weg führt uns weiter auf den Market des Viertels - egal welches Viertel in Süd-Delhi, es ist immer dasselbe. Jedes Geschäft hat einen Sicherheitsmann/Türöffner. Manchmal auch einen "Begrüßer". Man muss bei seinem Bummel über den Markt schon aufpassen, dass man nicht die falschen Signale aussendet. Sonst kriegt man so manche Tür geöffnet, an der man eigentlich vorbeigehen wollte. Wenn man wirklich in das Geschäft wollte und es betritt, wird man mit 100%-iger Sicherheit von mindestens einem Verkäufer (mein Rekord liegt bei 6 Verkäufern) begrüßt und gefragt nach was man sucht. Allerallerspätestens wenn man zwei Kleidungsstücke auf der Stange verschiebt, kommt jemand der fragt was er/sie für dich tun kann. Man stelle sich eine aufdringlichen Verkäufer in Deutschland vor, und multipliziert das mit 3 und erhöht den Aufmerksamkeitsgrad den man durch seine Anwesenheit erzeugt um mindestens das Doppelte.

Hungrig nach so einem Einkaufsbummel? Kein Problem, Restaurants gibt's ja auch an jeder Ecke. Man darf sich nur nicht wundern, dass man zu viert an einem Tisch sitzt und plötzlich 5 Kellner um einen rum stehen, nachdem einen etwa 3 Kellner begrüßt haben. Jeder hat eine unterschiedliche - aber scheinbar auch nicht genauer definierte - Aufgabe. Da wäre zum Beispiel der Kellner, der dir die Flasche Bier ca. 20 cm über den Tisch hält ohne anstalten zu machen es in dein Glas zu schütten oder es dir zu geben. Seine stille Aufforderung: Bitte fass das Bier kurz an, deute mir an, dass es kalt genug ist und lass mich es dir in dann in dein Glas schütten. Wenn einem nun das Bier schmeckt sollte man aufpassen, sobald nur noch ein Fünftel in der Flasche ist. Es könnte sein, dass ein übermotivierter Kellner es dir wegnimmt, da er denkt, dass du fertig damit bist.
Und wenn man dann abends in der Diskothek auf der Tanzfläche sein Werk vollbringt, wuselt immer mal wieder ein dunkel gekleideter, schmaler, kleiner Inder mit Besen/Flaschenkasten/wieauchimmer vorbei (oder eher unter den Armen hindurch). Geht man dann auf die Toilette, kann es durchaus passieren, dass da ein Toiletten-Walla steht, der - wenn er nicht gerade putzt - dir die Seife auf die Hand gibt, dir den Wasserhahn anmacht und dir danach das Handtuch/Papiertuch reicht.

Am Rande jedes Markts ist übrigens eine Spiegelung des Markts zu sehen: Hier kostet das Hauptgericht nicht 300 Rupien (5 Euro), sondern maximal 30. Dort versorgt sich dann die Service Class und die Riksha-Fahrer mit dem allernötigsten.
Viel kann dies meist nicht sein, denn das Gehalt im derartigen Dienstleistungsbereich beträgt vielleicht 50 Euro. Je Monat. Aber auch nur in den Großstädten.

Warum so wenig? Humankapitaltheoretisch gesprochen: Die Tätigkeiten die erbracht werden, erfordern einfach KAUM Qualifikation, außer Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und einigermaßen gepflegtes Äußeres. Und um es malthusianisch auszudrücken: Es sind einfach zu viele Inder da. So stumpfsinnig die Service-Jobs auch sind, ein Großteil der Inder würde zu gern ihr Leben mit dem eines Büro-Boys, einer Maid oder eines Fahrers tauschen. Mein Weg zur Arbeit ist voll von derlei Menschen. Und wenn man genauer hinschaut, neben den Zuglinien, neben den Kanälen, unter den Hochstraßen... wäre ein derartiger Job ein Riesenschritt in eine bessere Zukunft. Zudem herrscht im Niedriglohnsektor Unterbeschäftigung. Zum typisch indischen Straßenbild gehört einfach, dass ein paar Männer irgendwo am Straßenrand hocken (nicht sitzen, denn dann würde man ja auf dem dreckigen Boden sitzen) und nichts tun. Denn sie warten. Warten auf ihren Boss, Master, wie auch immer man es nennen möchte. Es ist durchaus nicht unüblich, beispielsweise Taxis oder Fahrer für 4 oder 8 Stunden zu mieten. Oder, wenn man Urlaub machen will, für einige Tage mietet. In den Zeiten zwischen den Fahrten haben die Fahrer natürlich nichts zu tun. Was sie dann tun, kriegt man eigentlich nicht mit.

In der indischen Kultur scheint die Dienstherr-Diener-Konstellation übrigens tief verankert zu sein. Das Buch "White Tiger" ist in dieser Hinsicht wirklich zu empfehlen. Die Oberschichtsangehörigen haben sich derart dran gewöhnt, einen Diener für alle Lebenslagen zu haben, dass es ohne wohl gar nicht mehr geht. Was sollen die Nachbarn denken, wenn man plötzlich ohne Hausmädchen und -jungen da steht und den Haushalt selbst schmeisst? Soll man etwa selbst die Gäste bedienen, die sich zum Dinner angemeldet haben?
Die Bediensteten sind so selbstverständlich geworden, dass sie meist unsichtbar sind, ja, kaum vom Dienstherr wahrgenommen werden. Abseits des Befehlstons gibt es kaum Kommunikation.

Von Seiten der Hausmädchen und -jungen regt sich auch nicht wirklich offener Widerstand. Ich habe noch nie in der Zeitung gelesen, dass es zu kriminellen Handlungen gegen die Dienstherren gekommen wäre. Zu hoch ist einfach das Risiko, einen "lukrativen" Job zu verlieren. Meist müssen die Hausangestellten Geld nach Hause aufs Land schicken, und wenn man "White Tiger" Glauben schenken mag, dann kann grobes Fehlverhalten durchaus auch zu Strafaktionen gegen die Familie daheim führen.
Manchmal hat man auch das Gefühl, dass übertriebene Bedienung zur Berufsethos gehört. Wenn irgendwas zusätzlich zu tragen ist, oder eine Tür zu öffnen ist, eben irgendetwas zu tun ist, dann wird es getan, und zwar mit der Selbstverständlichkeit und dem Pflichtbewusstsein, mit dem man beispielsweise seiner Oma die Einkaufstasche abnimmt oder die Wagentür aufhält.

Derlei Situationen sind vor allem für Ausländer, sprich Weiße, befremdlich. "Das Bißchen hier, das kann ich doch auch noch selbst..." Denkste - meist ist der Diener schneller. Und dann lässt man es halt machen. Wehren kann man sich ja eh nicht. Man kann manchmal so verwegene Dinge tun wie selbst Tee kochen, generell kochen, ein Glas holen, Türen öffnen, Autos aus Parklücken winken oder sein Gepäck tragen, aber man muss sich dann auch im Klaren sein, dass man gerade Arbeit geklaut hat. So ist es auch zu erklären, dass niemand - wirklich niemand - an einem indischen Bahnhof jemanden Hilfe beim Gepäcktragen anbietet. Man würde vermutlich ungläubige bis wütende Blicke von den mageren Männern mit Kopfschutz ernten, die sonst die Koffer auf dem Kopf aus dem Bahnhof tragen. Und vermutlich würde mir zum Beispiel auch niemand sein Gepäck geben wollen. "Ein Weißer, der mein Gepäck tragen will? Warum! in aller Götter Namen?!"
Man erkennt den Expatriate, der schon länger in Indien ist, übrigens daran, dass er mit Freuden alle Dienstleistungen annimmt, die geboten werden und auch prima den Befehlston erzeugen kann, der nötig ist um seinen Willen zu bekommen.

Aber glücklicherweise bin ich ja nur 6 Monate da, was vermutlich - hoffentlich! - noch nicht dazu führen wird, dass ich in Deutschland verzweifelt nach meinem Diener Ausschau halten werde oder über meinen gesunkenen Lebensstandard klagen werde....
Naja, wir werden's sehen. Sind ja nur noch zweieinhalb Monate.

Übrigens: Es fängt wieder die Delegationssaison an. Am 6. Februar wird der Vekehrsminister Tiefensee hier sein. Grund des Besuchs: Ost-Deutschland wird als Investitionsstandort für indische Firmen gepriesen. Endlich wieder ein Event mit Buffet! Serviert von ca. 10 Kellnern, wieder mal....

EXKURS Ende.

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