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Dienstag, 9. Dezember 2008

Auferstanden aus Ruinen

Erst mal vielen Dank an alle, die mir per Face-to-face, Post, Telefon, Mail, Skype, E-Mail, ICQ oder auf einem meiner zahlreichen Web 2.0-Profilen zum Geburtstag gratuliert haben! Ich versuche alle zu beantworten, aber bitte versteht, wenn es etwas länger dauert. (Das haben die Beatles bestimmt auch gesagt...).

Der Kindergeburtstag, von dem du immer geträumt hast und doch nie bekommen hast. Ja, es findet in dem 5-Sterne Hotel gegenüber unseres Büros statt.

Dieser Kindergeburtstag hatte einen eigenen Spielbereich. Mein Favorit ist das "Wie wechsel ich möglichst schnell einen Reifen"-Abenteuer im Hintergrund. Vermutlich kriegen so die indischen Eltern ihre 8-jährigen Kinder dazu, dass sie mit Freuden den nächsten Reifenwechsel vornehmen wollen, nach bester Huckleberry Finn - Art.

Und am Montag gab's einen Kuchen im Büro, da auch noch ein anderer Kollege Geburtstag hatte. Es gab das, was die Inder hier unter Schwarzwälder Kirschtorte verstehen. Sehr füllend, wie fast alles indisches Essen.

Echt, es ist schon sehr erstaunlich, wie die Inder es schaffen, so ziemlich ALLES was essbar ist, auf eine amtliche Kalorienmenge zu bringen. Dabei besteht es eigentlich nur aus Grundzutaten, die einem Brigitte-Diätbuch entnommen sein könnten: Hühnchen, Reis, Gemüse, Gewürz, hauptsächlich gar kein Fleisch..., etc. Ja, ich denke, man könnte hier auch zunehmen wenn man sich nur vegetarisch ernährt. In diesem vegetarischen Standardgericht "Paneer" ist nämlich ordentlich Brennwertpotenzial vorhanden. Und Soße ist hier keine Soße, wenn nicht der Rest des Tellers in ihr schwimmt.
So langsam keimt in mir der Verdacht, dass Deutschland das einzige Land ist, in dem es alles in einer fett/kalorienreduzierten Version gibt, und das für billig Geld. Ich erinnere mich da noch an die 4%-Kondensmilch im Aldi; so etwas ist sicherlich ein Produkt, für das man in Indien sozialstrukturanalytische Clusteranalysen machen könnte, wieviel man will... es würde einfach kein Käufersegment auftauchen, welches das Konzept hinter diesem Produkt verstehen würde.

Ein sehr interessantes Produkt habe ich ausfindig gemacht: "Mouth Freshner". Das ist quasi Mundspray zum Essen. Da man nach indischem Essen manchmal das Gefühl hat, dass in seiner eigener Mundflora gerade alle fremdartigen Gewürze eine wilde Party feiern, hat dieses Produkt durchaus Sinn. Es besteht aus: Anis, Betelpulver, Datteln, Zuckerbällchen, Silberblatt (sic!), Betelblätter, Rosenblätter, Zucker, Sirup, Sacchrum, Öl, Betelnuß.
Kurz: Die Gewürz-Party wird einfach von anderen Gewürz-Raufbolden übernommen, die fortan die Macht über deinen Mund haben.

Am Donnerstag waren wir wieder im Urban Pind - es war zuerst verdächtig leer - wir dachten schon, 26/11 (so nennen's die indischen Zeitungen) hätte auch hier zu einem veränderten Ausgehverhalten geführt. Dem war jedoch nicht so wirklich, es füllte sich einfach nur viel später. Vielleicht hatte sich auch die Mär von den Jägermeister-Promodamen rumgesprochen. Jetzt habe ich ein orangenes Stirnband, auf dem das Jägermeister Logo prangt. Aus Indien. Das Orange von Jägermeister ist dem Orange der Stirnbänder von Hindu-Nationalisten allerdings relativ nahe - einer der vielen Gründe warum man mich wohl eher selten damit hier rumlaufen sehen wird. Es wurde also wirklich gut voll und war auch ganz lustig, vor allem, als wir unten (im "Hier auch mit Indern"-Bereich zu Hindi-Wahnsinnsmusik getanzt haben. Irgendwann später wurde es dann sogar noch rockig. Da ich diese Rock-Lieder in Hindi schon öfter in Diskos gehört hatte, fragte ich mal beim DJ nach, und der klärte mich auf, dass sie vom Bollywood-Film "Rock On" stammen.
Dies ist der erste Bollywood Film der komplett mit Rockmusik auskommt. Ich habe ihn mir am Montag drauf gekauft in einem kleinen Laden in der Defence Colony. Sehr amüsant, aber auch sehr traurig... und als Musiker hat man bei Bandfilmen ja eh immer das Gefühl, das alles schon mal so erlebt zu haben -Identifikation garantiert, selbst wenn's ne indische Band ist...

Aber zurück zum Urban Pind - beziehungsweise zu den Nachwirkungen, die sich in meinem Kopf am nächsten Tag bemerkbar machten. Im Lauf des Tages nahm zwar mein Kopfschmerz ab, aber ein gewisses Unwohlsein blieb bestehen. Am Abend wusste ich dann, was mich die nächsten Stunden erwarten wird: DELHI BELLY.
Ich möchte Einzelheiten ersparen. Es macht wirklich keinen Spaß...Den kompletten Samstag lag ich in meinem Bett. Zwischen Freitag mittag und Sonntag morgen konnte ich einfach gar nichts essen, es reichte einfach nur zum Trinken. Was genau der Auslöser war, weiß ich nicht genau. Es kann sein, dass ich vergessen hatte, den Apfel den ich freitags morgens gegessen hatte, vergessen hatte, zu waschen...

So verpasste ich daher leider den kompletten Samstag, an dem ich eigentlich gerne eingekauft hätte und auch den ersten Tag des Weihnachtsmarkts inklusive einer kompletten Partynacht. Verdammt. Aber am Sonntag war es auch schon mit dem Spuk vorbei.

Am Sonntag hatte ich dann den Job, einen Kunden City-Tour artig durch Delhi zu führen und mit auf den Weihnachtsmarkt zu bringen. Einfach, damit er auch mal was von Indien abseits der kommenden Business-Meetings mitkriegt und eine bessere Vorstellung von Indien an sich bekommt. Wo wäre dafür ein besserer Platz als Old Delhi?
Old Delhi präsentierte sich an diesem Tag in Bestform. Kaum aus dem Taxi draußen, hing schon einer an unseren Fersen, der erzählte, er würde den Taxifahrer kennen (der Fuchs hat sich dafür sogar gemerkt, was auf der Fahrer-Jacke draufstand).und könnte uns herumführen. Ja klar. Ich habe mich da echt geärgert, dass ich nicht viel mehr als "Nahin" auf Hindi sagen kann. Aber die Hindi-Geste für Nein "Kopfzucken und abfällige Handbewegung" hab ich langsam drauf. Vielleicht bring ich das ja mit nach Hause, genauso wie das "Headwobbling". So bezeichnet man die Hindi-Geste für "Ja/Ok" (oder auch: jaja...nee is klar) Sie zeichnet sich (wie ihr im verlinkten Film sehen könnt) durch leichtes Schütteln des Kopfes aus. Eine Anleitung findet ihr hier. Ich denke, ich kann es auch schon ganz gut, und es "rutscht" mir manchmal schon einfach so raus.

Und nonverbale Kommunikation mit mir wird die Hölle. (*diabolisches Lachen*)

Man glaubt gar nicht, wie viel Leute in Old Delhi rumlaufen und offensichtlich gar nichts zu tun haben außer Touris zu fangen und sie irgendwohin zu bringen, wo sie dann was kaufen sollen. Außerdem toll: Die ganzen Moslems rund um die Jama Masjid, die Ziegen verkauften/kauften, um sie heute zu schlachten! Sonntag war eben der letzte Sonntag kurz vor der Hajj (Gesundheit) und vor Indiens größter Moschee war die Hölle los.

Was wir außerdem gesehen haben: Eine Affenfamilie! Mitten in der Altstadt! Sie benutzte die Stromkabel über dem Chandni Chowk für die Überquerung der Straße. Habe leider nur eine Affenmutter mit der Kamera erwischt, und das auch nur schlecht als recht:

Mist... Ja, da in der Mitte zwischen den Kabeln.

Auf der anderen Seite saßen schon 4 andere Affen, auf dem Balkon eines Hauses. Ich glaube, ein Herzinfarkt wäre eine angemessene Reaktion, wenn man plötzlich 4 Affen auf seinem Balkon findet, wenn man die Vorhänge aufzieht/Fenster aufmacht/whatever... Die klauen angeblich auch glänzende Brillen....ich bleibe also auf der Hut.

So...ich bin leider noch nicht gekommen, euch vom Weihnachtsmarkt zu erzählen - werde das verschieben müssen, denn es ist schon wieder spät geworden.

Bis dann!
Benni

6 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich mag deine Art zu schreiben. Informativ und trotzdem amüsant; was hätte ich für Professoren wie dich am Gymnasium gegeben *ggg* Grüße aus Frankfurt.

Anonym hat gesagt…

Die Affen, ich muss gerade an Family Guy denken :D
Den Evil Monkey! Oder die shamponierten Affen bei American Dad :)

Christian hat gesagt…

Ereignis des Tages: einer Deiner Bandkollegen wollte heute etwas Mnimal-Mukke von mir (zu referats-zwecken)..... FEIERN

Christian hat gesagt…

Ach ja: Dir ist schon klar , dass die Überschrift zu Deinem Update die ersten paar Worte der Nationalhymne von Dubnkel-Deutschland sind.

Fatmelter hat gesagt…

Tja, wer weiß - vielleicht wird ja doch irgendwann ein Buch draus.. "I lost my soft skills in India" ist schonmal ein guter Arbeitstitel

Verdammt, ich hatte die Family Guy Referenz vergessen! Daran musste ich auch denken: "There's an evil monkey in my closet!"

Ich hoffe, mein Bandkollege hat sich die richtige Minimal Musik herausgesucht, es gibt nämlich auch klassischen Minimal (dazu muss er meine Schwester fragen...)

Na klar - du weisst doch, alle paar Tage ein Songtitel ;)

Christian hat gesagt…

Ich habe noch einen weiteren Arbeitstitel für dein Buch: Nicht ohne meinen Inder!!!